Das vergessene Mobilfunknetz

Ein Milliardensommer

Alles begann im Sommer 2000. Ein neuer Mobilfunkstandard sollte auch Deutschland revolutionieren. Er versprach hohe mobile Geschwindigkeiten auf DSL-light Niveau (384kbit/s) und sollte das damals existente und aufgrund von hohen Preisen wenig genutzte GPRS-Netz nach oben hin erweitern.Die Rede war von UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) oder auch Mobilfunk der 3. Generation (3G). Sämtliche Mobilfunkprovider innerhalb der Bundesrepublik waren natürlich sehr interessiert an einem baldigen Aufbau eines 3G-Netzes, denn vom mobilen Internet als Massenmarkt versprach man sich satte Gewinne. Technisch erforderte ein 3G-Netz jedoch eigenständige Basisstationen unabhängig von GSM/GPRS, welche zunächst erheblichen Investitionsbedarf erforderten, wodurch man wahrlich bei 0 startete. Getrieben von dem Druck, als First-Mover im Markt zu sein, wollten natürlich alle deutschen Mobilfunker (sowie auch viele internationale Konzerne) die begehrten UMTS-Lizenzen bei der Versteigerung im Jahre 2000 erlangen.

Unter den elf zugelassenen Teilnehmern, von denen 4 schon vor der Versteigerung ausstiegen, befand sich auch die Group 3G. Das Unternehmen war zwar ein Neuling auf dem deutschen Markt, hatte jedoch bereits weitreichende internationale Erfahrungen, da es sich dabei um ein Konsortium des finnischen Konzerns Sonera mit der spanischen Telefónica Móviles handelte. Zwei „alte Hasen“ im Mobilfunkgeschäft also, die nun in Deutschland das große Geld mit UMTS witterten und nicht viel weniger als „ein Schlüsselanbieter in der mobilen Breitbandkommunikation“ werden wollten.

Die Bundesnetzagentur hatte hohe Erwartungen an die Versteigerung und verband diese somit mit verschiedenen Bedingungen:
Es gab 12 Frequenzblöcke, wobei für die Erteilung einer Lizenz mindestens zwei Blöcke ersteigert werden mussten. Das Maximum an ersteigerbaren Blöcken pro Bieter lag bei 3. Daraus ergaben sich mögliche 4-6 UMTS Lizenzen. Weitere Bedingungen war die begrenzte Laufzeit bis zum 31. Dezember 2020 sowie die Notwendigkeit bis zum 31. Dezember 25% und bis zum 31 Dezember 2005 50% der Bevölkerung mit UMTS zu versorgen. Aus den sieben Anbietern, welche antraten(DeTeMobil, Vodafone, E-Plus-Hutchison, Viag Interkom, France Telecom/Mobilcom, debitel, Group3G) kristallisierten sich zum Ende der Versteigerung nun 6 Unternehmen heraus, welche über Lizenzen verfügten:

  • Vodafone (8,42 Mrd. €)
  • Group 3G(8,41 Mrd. €)
  • E-Plus(8,39 Mrd. €)
  • Mobilcom (8,37 Mrd.€)
  • Viag Interkom(8,45 Mrd. €)
  • T-Mobile (8,48 Mrd.€)

Der aufmerksame Leser wird nun feststellen, dass somit insgesamt um die 51 Mrd. € erlöst wurden, welche dem Bundeshaushalt zugute kamen. Dieses Erlösergebnis war absolut gesehen deutlich höher als in anderen Ländern.

Ein Aufwachen mit Kater

Für die erfolgreichen Mobilfunkkonzerne bedeutete dies natürlich nun eine enorme Belastung für deren Gewinn, Aktienkurs sowie Rating. Der Druck, mit den ersteigerten Lizenzen nun auch Geld zu verdienen war somit trotz der steuermindernden Milliardenabschreibungen sehr hoch. Es ging nun darum, wer als Erster in der Lage war, sein UMTS-Netz zu eröffnen.

Auch und speziell die Group 3G war somit unter hohem Druck. Zum einen waren gerade Milliarden an die Bundesnetzagentur geflossen, zum anderen verfügte die Group 3G ja im Gegensatz zu den anderen Netzbetreibern (abgesehen von Mobilcom) über kein eigenes Netz und somit keine Möglichkeit, Kunden zumindest schon einmal im GSM/GPRS Bereich an sich zu binden. Mitte 2001 fiel dann bei der Group 3G die Entscheidung, schon im Jahre 2001 Produkte an den Kunden anzubieten, um am
äußerst lukrativen Weihnachtsgeschäft teilnehmen zu können.

Am 22. November 2001 war es dann soweit: Die Group 3G UMTS GmbH hob mit der Marke Quam den fünften Mobilfunkbetreiber aus der Taufe. Ein klassischer Mobilfunkbetreiber war Quam jedoch nicht. Aufgrund der kurzfristigen Entscheidung, noch im Jahr 2001 an den Start zu gehen sowie dem Mangel an verfügbaren UMTS Endgeräten entschied sich der CEO der Group 3G, Ernst Folgmann, zunächst als sogenannter Mobile Virtual Network Operator tätig zu werden. MVNOs sind Betreiber, welche über kein eigenes Netz verfügen, sondern bestehende Infrastrukturen unter ihrem eigenen Markennamen nutzen. Quam kaufte sich somit als erster deutscher MVNO in das Netz der E-Plus Gruppe ein. Ein weiteres Problem, welches man mit Geld zu erledigen versuchte, war das Marketing. Quam wollte als ebenbürtiger und exklusiver Anbieter wahrgenommen werden und so wurden Ladengeschäfte in entsprechend exklusiver Innenstadtlage angemietet, in welchen die potentiellen Kunden nun in angemessener Atmosphäre akquiriert werden sollten. Der Rest des geschätzten Werbebudget von ca. 50 Millionen € wurde für eine teure TV-Imagekampagne unter anderem mit Sven Hannawald verwendet.

Die Macht der Alten und die Naivität des Neuen

Dass ein Riesenmarketingbudget nicht viel hilft, sofern das Produkt nicht funktioniert, stellten die (wenigen) Kunden fest, die sich ab dem 22. November im Quam-Netz freischalten ließen. Durch die kurzfristige Entscheidung noch zum Weihnachtsgeschäft an den Start zu gehen, war es den –von anderen Mobilfunkern teuer eingekauften- Experten wohl entgangen, dass ein Antrag zur Durchschaltung in das Quam-Netz Monate vorher hätte erfolgen müssen. Resultat war nun die Nichterreichbarkeit der Kunden aus anderen Mobilfunknetzen. Quamkunden mit der damaligen Vorwahl 01505 waren faktisch nur aus dem Festnetz der Deutschen Telekom sowie von Viag Interkom und E-Plus zu erreichen. Um eine Erreichbarkeit der Kunden zur gewährleisten, entschied man sich (wie ja auch schon vorher) zu einer teuren und ungewöhnlichen Maßnahme: Es wurde eine 0800 Nummer geschaltet, mithilfe derer Kunden aus anderen Netzen in das Quam-Netz telefonieren konnten – und das sogar kostenfrei für den Anrufenden. Teuer für Quam waren auch verlustbringende Vertragsangebote mit Gratishandys oder anderen Zugaben.

Das Problem der Nichtdurschaltung aus anderen Netzbetreibern führte nun zu einer fatalen Blockadehaltung seitens Quam: Man wollte gegen die Handhabung der etablierten Netzbetreiber protestieren und stellte so kurzfristig die Vermarktung sämtlicher Produkte ein. Das führte dazu, dass die Quam Shops den Kunden anstatt von gewinnbringenden Verträgen während der Weihnachtszeit nur kostenlosen Kaffee anbieten konnten. Anfang 2002 begann Quam dann wieder mit der Vermarktung, welche – unter anderem auch getrieben durch den Erfolg von Sven Hannawald bei der Vierschanzentournee – Kunden in Massen anzog.
Quam hatte jedoch wieder eklatante Fehler gemacht – oder war dieses Risiko bewusst eingegangen – jedoch waren die Aktionen, mit denen der Anbieter lockte, absolute Verlustbringer. Als Beispiel sei hier der Partnerkarten-Tarif genannt. Dieser ermöglichte jemandem, der zwei SIM-Karten im selben Tarif abschloss, den Empfang von nur noch einer Rechnung und die Reduzierung des zweiten Vertrages um 50 Prozent. Gleichzeitig floss aber von Seiten Quam immer noch die gleiche Subvention für Endgeräte. Ein weiteres Beispiel ist der Tarif 3star. Dieser konnte offline abgeschlossen werden, man bekam jedoch ausschließlich online seine Rechnungen. Das gesparte Porto schrieb Quam großzügig durch eine mehrmonatige Grundgebührbefreiung gut. Wer jetzt eine Karte und eine Partnerkarte im 3star online abschloss, erhielt die volle Subvention für beide Karten, zahlte jedoch für die Laufzeit von zwei Jahren nur noch so viel wie für einen Vertrag. Findige Händler ermöglichten nun beispielsweise die Engerätesubventionierung so umzulegen, dass man effektiv für beide Verträge keine Grundgebühr mehr zahlen musste. Der darauffolgende Ansturm von Kunden war für Quam kaum zu bewältigen, so dass viele Kunden leer ausgingen. Nach Ende der Sonderaktionen Ende Juli 2002 entschloss man sich bei Quam erneut, die Vermarktung einzustellen, um erst wieder mit aufgebautem UMTS-Netz weiterzumachen.

Ein Ende mit Schrecken

Quelle: http://www.quam.de

Statement Quam zum Abstellen des Netzbetriebes. Quelle: http://www.quam.de

Dass es dazu nie kommen sollte, ahnten die Kunden zu diesem Zeitpunkt nicht. Mehr oder weniger zufällig wurde dann wenig später bekannt, dass man den Netzbetrieb zum 15. November um 24 Uhr komplett und endgültig einstellen werde. Das milliardenteure UMTS-Experiment von Telefónica Móviles und Sonera war also gestoppt worden, um nicht noch mehr Geld zu verbrennen. Die Statistik bis dorthin ist selbst nach heutigen Maßstäben gewaltig: Man hatte knapp 8,41 Mrd. € für eine Lizenz ausgegeben und stark investiert, um Kunden zu akquirieren bzw. ein vermarktungsfähiges Produkt innerhalb von sehr kurzer Zeit bereitstellen zu können. Sehr kurz war auch die Zeit, in der die Marke existierte: weniger als ein Jahr, in dem derart viele Fehlentscheidungen getroffen wurden, die dazu führten, dass es effektiv niemals ein „echtes“ 5. Mobilfunknetz in Deutschland gab. Trotz eines Rechtsstreits gelang es Quam nicht, die ersteigerte UMTS-Lizenz weiterzuverkaufen oder das Geld zurückzubekommen denn die Bedingungen sahen einen UMTS-Ausbau vor, der hier nie stattfand.

Trotz des milliardenschweren blauen Auges, welches speziell Telefónica Móviles davontragen musste, wandte man sich nicht ganz vom Standort Deutschland ab, was der Ankauf von O2 Germany (ehemals Viag Interkom) beweist. Der Geist von Quam lebt also heutzutage ein klein wenig im O2 Netz weiter. Es bleibt zu hoffen, dass sich Telefónica Móviles nicht noch ein zweites blaues Auge bei der Übernahme von E-Plus holt. Dass die Spanier jedoch einen langen Atem(im Bereich Mobilfunk in Deutschland) haben, steht außer Frage.

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